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November 2023


Von Vorsorge über Beerdigung bis Gedenken – Stefanie Oeft-Geffarth hat alles, was am Lebensende geschieht, digitalisiert. Damit verändert die Unternehmerin aus Halle auch, wie mit dem Tod umgegangen wird.
Von Julius Lukas
Überraschend kam Oskars Tod nicht. Der Junge hatte eine schwere, sein Leben verkürzende Krankheit. Mit vier Jahren starb er. Oskars Eltern wussten, dass das Leben ihres Kindes früh enden würde. Deswegen konnten sie für den Tag, an dem es passiert, planen und hatten alles vorbereitet: den Sarg, die Farbe, die Gäste. Cousins und Cousinen, Freunde, der große Bruder – alle waren da. Zusammen bemalten sie Oskars Sarg. „Dann holten alle Decken, Kissen und Kuscheltiere", erzählt Nadine Weske. Damit wurde der verzierte Sarg ausgelegt. Anschließend betteten sie Oskar darin. „Es war schön für die Familie, diese Zeit mit Oskar noch zu haben, sich ohne Hast verabschieden zu können, so wie sie es sich gewünscht hatten."
Nadine Weske hat die Familie beim Abschied von Oskar begleitet und unterstützt. Die 41-Jährige ist Abschiedsplanerin. Hinter der Bezeichnung verbirgt sich ein Berufsbild, das es so bisher nicht gab und das sie selbst mitentwickelt hat. „Im Prinzip mache ich alles, was Bestatter auch tun", sagt Weske. Allerdings wolle sie aus dem starren Korsett heraus, in dem der Umgang mit dem Tod stecke. „Bestattungen müssen nicht so ablaufen, wie wir das gewohnt sind", sagt Weske. Sie habe schon Strandzeremonien veranstaltet, Lebensfeste mit Sekt und Schnittchen und ein Kaffeekränzchen mit der Urne auf dem Tisch. „Was die Betroffenen sich wünschen, steht für mich im Zentrum und da merke ich, dass mehr Individualität und Mitbestimmung gefragt sind.“
Nadeln und Schleifen
Neben Nadine Weske gibt es in Deutschland noch zwei weitere Abschiedsplanerinnen. Sie gehören zu einem Netzwerk, das in Halle entstanden ist und dessen Zentrum Stefanie Oeft-Geffarth bildet. Die 47-Jährige könnte man als Trauer-Unternehmerin bezeichnen, wobei das nicht alles abdeckt, was ihre Firma Convela anbietet. Von Vorsorge über Bestatten bis Gedenken hat sie ein Angebotssystem entworfen, in dem alles, was irgendwie mit Lebensende zu tun hat, miteinander verknüpft ist – und das meist digital.
„Ich will die Prozesse für die Angehörigen vereinfachen und ihnen mehr Entscheidungsmöglichkeiten geben", sagt Oeft-Geffarth. Das klingt erst einmal kompliziert. Was sich hinter diesem digitalen Angebotssystem verbirgt, ist aber leichter zu verstehen, wenn man sich die Entwicklung von Convela anschaut. Bevor Oeft-Geffarth ihr Unternehmen gründete, arbeitete die dreifache Mutter in einer Kommunikationsagentur. „Ich hatte dann aber keine Lust mehr, Dienstleister zu sein, sondern wollte selber Produkte entwickeln", erzählt sie. Die Chance bekam sie, als eine Freundin ihr anbot, gemeinsam Trauerschmuck zu entwerfen. „Erst stieß mich das total ab, weil ich nichts Gutes mit diesem Thema verband", sagt Oeft-Geffarth. Für sie sei der ganze Bereich negativ besetzt gewesen. „Ich überlegte eine Weile, entschied mich dann jedoch, diese Abneigung zu nutzen, um es anders zu machen, um Trauer und Tod und Sterben anders darzustellen.“
Vor zwölf Jahren begann die gebürtige Schönebeckerin damit, Trauernadeln zu entwerfen. Bald kamen Schleifen dazu und schließlich Mobiliar für Beerdigungen – Stelen, Vasen, Kerzenständer. „Die Gegenstände sollten edel sein und schön anzusehen." Digital war dieses Geschäft allerdings noch nicht. Das änderte sich, als Oeft-Geffarth mit ihrem Team – heute hat sie zwölf feste Mitarbeiter – die ersten Apps entwickelte. Mit den Programmen ließen sich die Stelen und Ständer individuell designen. Und dabei blieb es nicht.
Die Idee war, dem einmal in der virtuellen Welt angekommenen Kunden noch weitere Dienste anzubieten. Wenn die Angehörigen das Mobiliar für die Beerdigung gestalten, warum sollten sie dann nicht gleich noch eine Feierhalle aussuchen und einen Termin dort reservieren. „Gerade diese Terminfindung zwischen Angehörigen, Friedhofsverwaltung und Bestatter ist oft sehr kompliziert", sagt Oeft-Geffarth. „Ein digitaler Kalender, der immer aktuell ist und an den alle angeschlossen sind, kann das sehr vereinfachen." Diese Vernetzungslogik übertrug die Firmenchefin auf immer mehr Bereiche und schuf eine, wie sie sagt, „riesige digitale Infrastruktur". Überführungsdienst, Krematorium, Trauerredner, Floristen, Musiker – alles wird in diesem System abgebildet. Gebündelt sind die Angebote auf dem „Funeral Marketplace", einem Online-Marktplatz für Bestattungen. „Und wer Unterstützung braucht, der kann auf die Abschiedsplanerinnen zurückgreifen", sagt Oeft-Geffarth.
Das Internet ist geduldig
Das Netzwerk der Unternehmerin konzentriert sich allerdings nicht nur auf Beerdigungen. Zum Convela-Kosmos gehört eine Gedenkseite, auf der an Verstorbene erinnert wird. „Die Verarbeitung eines Verlustes kann lange dauern", sagt Oeft-Geffarth. Und das Internet sei geduldig.
„Auf die Gedenkseite kommen viele Menschen noch Jahre nach dem Trauerfall, schreiben kleine Texte und tauschen sich mit anderen Nutzern aus, denen es vielleicht ähnlich geht."
Und auch in die andere Richtung denkt die Digitalunternehmerin. An den Bereich der Vorsorge: „Patientenverfügungen, Vollmachten, Willensbekundungen – das kann man alles digital abbilden, rechtlich sicher und datenschutzkonform", sagt sie. Gebündelt wird es auf einem Vorsorge-Portal, für das die Kunden eine monatliche Gebühr zahlen.
Mit diesem Portal sind wiederum weitere Funktionen verknüpft. „Jeder kann für sich selbst dort einen Notfallplan erstellen, der regelt, was im Fall des eigenen Todes geschieht", erklärt Oeft-Geffarth. Wer soll informiert werden? Welche Bestattung wünscht man sich? Was soll aus den persönlichen Gegenständen werden? Solche Fragen können beantwortet werden. Die Möglichkeiten reichten aber auch bis zur Kündigung von Abos und Bankkonten oder anderer Dienste.
Die Vorsorgeplanung werde bereits in Pflegeheimen und Hospizen eingesetzt, sagt die Firmenchefin. „Wenn man zu Lebzeiten schon einmal diese wichtigen Dinge klärt, wird es im Todesfall für die Angehörigen leichter, Entscheidungen zu fällen." Das betreffe nicht nur alte Menschen. „Für mich selbst habe ich das natürlich auch schon alles gemacht", sagt Oeft-Geffarth.
Gerade der Bereich der Vorsorge, sagt die 47-Jährige, werde immer gefragter. Schon eine sechsstellige Anzahl Menschen habe sich auf ihrem Portal angemeldet. „Das gesamte Netzwerk wird in den kommenden Jahren immer weiter wachsen", meint Oeft-Geffarth. Und dass sich in Bezug auf Tod und Abschied etwas wandelt, sei schon sichtbar – Sarg bemalen, Kaffeekränzchen, Strandzeremonie. „Wir ändern da wirklich etwas", sagt Oeft-Geffarth. „Das ist echt Wahnsinn."
→ Vorsorgeplaner.online
Januar 2022


Nadine Weske spricht über die Möglichkeiten des Abschiednehmens.
Oktober 2021
Printmagazin "Abschied nehmen"

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